Die Verhöhnung der Ehrlichkeit
24 Feb
Ich habe mich immer wieder gefragt, warum mich gerade das Thema Guttenberg so sehr beschäftigt. Es liegt nicht daran, dass es so medial präsent war. In den Anfängen, das gebe ich zu, war es ein wenig Schadenfreude. Dass dieser aalglatte Politiker erwischt wurde. Aber als das Thema aufkam war ich mir noch sicher, dass da gar nichts passiert und in ein paar Tagen niemand mehr drüber spricht. Da hielte ich die Fehler aber auch noch für minimal. Mehr und mehr wurde aber das Ausmaß der Kopierarbeiten deutlich und für mich wurde klar, dass er seinen Titel verliert. Aber auch das war es nicht, was mich so beschäftigt. Denn wie viele Leute richtigerweise sagen, wie wichtig oder unwichtig ist denn so ein Doktortitel?
Was war es dann? Und jetzt, wo ich mich so viel damit beschäftigt habe, weiß ich es oder glaube ich zumindest es zu wissen. Es ist der Umgang mit dem Thema. Es ist diese offensichtliche Scheinheiligkeit, Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit, an der ich zu knabbern habe.
Da wird über Zitate und Fußnoten diskutiert. Es wird eingeräumt, dass Fehler passiert sind, dass wissenschaftlich nicht sauber gearbeitet wurde. Aber das Offensichtliche wird nicht ausgesprochen. Fast jeder mit dem ich gesprochen habe, Unterstützer oder Kritiker von Guttenberg, hat gesagt, klar hat er kopiert. Klar war das systematisch und keine Fehler, die vor lauter Arbeit einfach so passiert sind. Das kann man auch bei der Menge an Stellen kaum noch verhehlen. Wie in einem Kommentar beim Spiegel oder der Zeit richtigerweise geschrieben wurde – ich arbeite 7 Jahre an einer Arbeit, aber erst bei der Durchsicht an einem Wochenende ist mir aufgefallen, dass so gravierende Fehler passieren, die einen Meinungsumschwung bewirken von “abstruse Vorwürfe” und “vorübergehender Verzicht auf den Doktortitel” zu “ich verzichte auf den Doktortitel und entschuldige mich”? Das kann man bei gesundem Menschenverstand und zumindest kurzer Beschäftigung mit dem Thema nicht mehr glauben.
Dass das Offensichtliche geleugnet wird, das kann ich ja irgendwie noch verstehen. Die Konsequenzen wären wohl klar, wenn Herr zu Guttenberg zugeben würde, er hätte vorsätzlich getäuscht. Dass aber in der Diskussion dann mit Ehrlichkeit, Demut und Vorbildsein durch “Fehler eingestehen” argumentiert wird und diese Punkte für sich in Anspruch genommen werden, das bringt mich auf die Palme. Und dass viele Menschen dem folgen und seine Beliebtheit sogar steigt, das setzt dem Ganzen die Krone auf.
Eigentlich bin ich was Politik betrifft wahrscheinlich eher Durchschnitt und hege kein wirklich großes Interesse. Ich gehe brav wählen und beschäftige mich phasenweise mit bestimmten Themen. Dass mich ein politisches Thema derart beschäftigt zeigt, dass es hier nicht um eine Doktorarbeit oder einen Titel, sondern um Werte. Werte die mir wichtig sind. Werte wie Ehrlichkeit, wie Gerechtigkeit, wie Vorbild sein. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass Herr zu Guttenberg diese Werte beschmutzt hat und mit einem schelmischen Grinsen davon zu kommen scheint.
Hier noch ein paar Artikel, die ich lesenswert fand:









Da kann ich Dir nur voll und ganz zustimmen. Es ist etwas erschreckend zu sehen, dass nicht die Politiker, nicht die Medien ihn gestürzt haben. Sondern die Intellektuellen, die Akademiker. Sind sie die letzte Bastion der Werte? Wenn man die Gier nach Drittmittel-Projekten sieht, vielleicht nicht mehr lange.
hier noch ein nachtrag:
http://www.dirkvongehlen.de/index.php/netz/wir-konnen-die-wissenschaftliche-arbeit-einstellen/
“Wir können die wissenschaftliche Arbeit einstellen. Ich kann doch niemals mehr einem Studenten irgendetwas vorwerfen, wenn wir das hier durchgehen lassen.”
Erschreckend ist auch, dass immer noch kein Klartext geredet wurde und jetzt die Medien, die Jagenden schuld sind und Herr zu Guttenberg seine Soldaten schützen muss. Was ist denn mit der Aufrichtigkeit? Aber gut, die Luft ist raus, die Konsequenzen gezogen, nur die Folgen werden sich noch zeigen…